Caecina

Die heute einzig noch diskutable Gegenhypothese ist die Behauptung der Caecinaschlacht in Kalkriese. Interessant für die Bewertung dieser Hypothese ist zu schauen, woher sie eigentlich kommt, welche Motivation steckte ursprünglich dahinter? Denn interessanterweise stellt sich heraus, dass diese Hypothese im Rückblick zwar offensichtlich vorschnell, ihre Motivation dagegen aber goldrichtig war.

Ursprünglich wurde die These von einem wissenschaftlichen Gegner Theodor Mommsens schon im ausgehenden 19. Jhd. geprägt. Denn sowohl Mommsen als auch seine Zeitgenossen waren doch mehr als überrascht, die Schlacht mit statistischen Argumenten so weit nördlich der Hauptroute zur Elbe zu verorten. Neu aufgelegt wurde sie dann durch Rolf Bökemeier, ein weit bekannte Heimatforscher des Lipperlandes. Was Bökemeier gegenüber vielen anderen Heimat-, Hobby- und Freizeithistorikern auszeichnete, ist das er nicht nur seine eigene Quellenanalyse betrieb, sondern auch archäologisch tätig wurde.

Was er ganz richtig erkannte, war die Wichtigkeit der Emmertalroute nach Osten als natürliche Verlängerung der Lipperoute. Auch Bökemeier bediente sich wiederum, prinzipiell der gleichen, statistischer Methoden. Aufgrund der Verteilung der bis-augusteschen Münzfunde ist die Route Emmertalroute klar erkennbar. Und auch konnte er zwei zumindest verdächtige Stellen für römische Marschlager ausmachen, die allerdings archäologisch bis heute nicht näher untersucht sind: Feldrom/Kempten und Lügde/Bad Pyrmont.

Logisch ist, und Bökemeier stand damit nie alleine da, die Annahme das sich alle wesentlichen überlieferten Ereignisse rund um die Varusschlacht in etwa entlang dieser kürzesten Rhein-Elbe-Verbindung befinden müssen. Klar ist nach den literarischen Beschreibungen des Hergangs zur Varusschlacht auch, dass Varus durch Arminius von diesem Normalweg abgelenkt wurde und in eine Falle geriet. Den Beginn der Schlacht kann man daher, und dies ist durch den nicht zu unterschätzenden Querverweis des Nikulas um 1150 belegt, bei der Gnitaheide/Knetterheide bei Bad Salzuflen legen. Dies ist auch durch die Statistik der Funde im Weserbergland zu stützen. Dazu hier eine Analyse und Deutung des Nikulasverweises.

Was Bökemeier im weiteren dann auch deutlich machen kann, ist das Teile der Varusschlacht aufgrund der, allerdings größtenteils verschollenen Funde des 19. Jhd. sowie seiner eigenen archäologischen Untersuchungen, tatsächlich südlich Detmolds am Teutoburgerwald unweit des Hermannsdenkmal stattfanden. Auch für Lügde ist ein deutlicher Häufungspunkt an passenden Funden auszumachen.

Klar sagen muss man an dieser Stelle: All diese Funde stehen an Menge und Qualität deutlich hinter Kalkriese zurück, aber sie sind andererseits auch nicht von der Hand zu weisen. Bökemeiers Schlussfolgerungen waren im Wesentlichen: Erstens Lügde sei das gesuchte Sommerlager gewesen und die Schlacht fand südlich Detmold statt. Zu diesen Dingen werde ich in meinem Buch genauer Stellung nehmen. Vorab soviel: Lügde als Sommerlager wäre durchaus eine Möglichkeit, aber ich halte diese Vermutung aus verschiedenen gewichtigen Gründen für zu kurz gegriffen. Mit einiger Wahrscheinlichkeit war der Trog von Lügde/Bad Pyrmont aber zumindest ein bedeutendes Zwischenlager auf dem Weg nach Osten. Bei der zweiten Vermutung hat Bökemeier ebenfalls, wahrscheinlich zumindest zum Teil, Recht. Denn die deutlich erkennbare Häufung potenziell varuszeitlicher Funde im Gebiet südlich Detmold kommt sicher nicht von ungefähr. Allerdings beträgt die Entfernung von dort aus nach Kalkriese satte 80 km Luftlinie, ein scheinbarer Widerspruch zu den vermutlich machbaren täglichen Marschentfernungen der Römer.

An dieser Stelle erhob er daher die Caecinahypothese: Dies ist die Behauptung diese (auch als die Schlacht an den pontes longi, den langen Brücken, bekannt) Auseinandersetzung, an die Stelle Kalkrieser Berg zu verlegen, um die große Fundhäufung dort zu erklären. Das geht aber nur unter erheblicher Verbiegung der literarischen und archäologischen Quellen, wie im Text zu Kalkriese bereits erläutert.

(Bild: Fundverteilung im Weserbergland: Deutliche Häufungspunkte zeigen sich nicht nur in Kalkriese (oben links) sondern auch am Anstieg von Anreppen zum Teutoburgerwald (unten Mitte), in Lügde (Mitte rechts) und auch südlich Detmold (Mitte, halbunten).)

Nun löst sich dieser Widerspruch aber leicht auf, wenn man nur die enorme Länge des Varuszuges berücksichtigt, die sicherlich um die 30 km betragen hat. Bei einem lokalem Angriff bei Bad Salzuflen muss der Zug sicher in zwei Teile gesprengt worden sein, wonach dann die Hauptmacht nach Norden in die vorbereitete Falle abgedrängt wurde, während die kleinere Nachhut die Flucht nach Süden Richtung Lippe versuchte.

Jetzt stellen die Marschentfernungen auch kein Problem mehr dar, die Entfernung Knetterheide - Kalkriese ist, nach der einzig erhaltenen Beschreibung durch Cassius Dio, mühelos in vier Tagen zu schaffen. Ein weiterer wichtiger Nebeneffekt: Für die letztliche Aufklärung der Geschehnisse ist das Auffinden der Lagerkette zum Endschlachtort, so wie sie deutlich von Cassius Dio (und nur in Nebensätzen durch Tacitus) beschrieben wird, notwendig. Und das stellt nun kein großes Problem mehr dar, auf dass ich aber demnächst an anderer Stelle genauer eingehen werde.