Hildesheim

Nun, es gibt eine ganze Reihe von Hinweisen auf Hildesheim als das Sommerlager des Varus. Einiges zu diesem Thema habe ich schon unter Sommerlager ausgeführt. Hier möchte ich nun die Gründe gesammelt vorstellen, die für ein Sommerlager des Varus auf dem Gebiet der heutigen Innenstadt von Hildesheim hinweisen:


1. Literarische Hinweise

Aus der historiographischen Literatur lässt sich lediglich entnehmen, dass das Sommerlager des Varus nicht weit von der Weser gelegen haben soll. Eine genaue Beschreibung der Lage oder seines Aufbaus existiert leider nicht.

Lediglich sinnfällige Vermutungen sind angezeigt:

  • Das Lager musste sehr groß sein, um bis zu 30.000 Personen, d.h. 3 Legionen plus Hilfstruppen plus ziviles Personal plus ortsansässige Germanen mit denen man etwa Handel betrieb. Somit etwa 1 Quadratkilometer.
  • Es wird davon  gesprochen, das Varus auf dem Forum Gericht hielt über germanische Übeltäter. Ein Forum ist normalerweise ein repräsentativer städtischer Bereich, eigentlich nicht in einem typischen Militärlager anzutreffen.
  • Varus war Mitglied der kaiserlichen Familie des Augustus. Zudem glaubte er sich in befriedeten Land, bei den engsten Verbündeten, mit dem Cheruskerfürsten und römischen Ritter Arminius an adliger Spitze. Er hatte also guten Grund wenig zurückhaltend in der Präsentation seiner Klasse in Mitten des cheruskischen Kernlandes zu sein. Ein soldatisches Lederzelt kommt da nicht in Frage, es dürfte ein angemessenes Gebäude für seine Unterbringung erstellt worden sein. Zumal auch die Langhäuser der germanischen Fürsten damals eine Abmessung von wenigstens 10 mal 30 Meter Grundfläche hatten, was auch schon recht imposant war. Seine Wohnstatt musste somit unbedingt bedeutender sein.

Die Hauptverbindungsachse vom Rhein (Castra Vetera/Xanten) zur Elbe (Barby, Magdeburg). Es ist die kürzeste und gangbarste aller möglichen Verbindungen.

2. Strategische Hinweise

  • Nach der Eroberung Germaniens bis hin zur Elbe, zunächst durch Drusus in 9 v.Chr., erneuert durch die endgültige Niederwerfung letzter Aufstände im immensum bellum 1-4 n.Chr. durch seinen Bruder Tiberius, wiederum bis an die Elbe, galt Germanien als endgültig besiegt und reif für eine Provinzialisierung nach Gallischem Muster.
  • Der ranghöchste und vermeintlich zuverlässigste Verbündete war der cheruskische Fürst und römische Ritter Arminius. Es ist klar, das Varus sein Sommerlager im Herrschafts- und Wirtschaftszentrum der Cherusker aufschlagen würde. Es gibt eigentlich keinen erkennbaren Grund, warum er stattdessen in ein Randgebiet ausweichen sollte. Das wäre gleichbedeutend damit gewesen, dass man eben keinen Herrschaftsanspruch auf Germanien gestellt hätte, ganz im Gegenteil zur historiographischen Aussage.
  • Entsprechend muss das Lager (a) an der Hauptachse zwischen castra vetera (Xanten, Lippe) zum Elbeknie beim heutigen Magdeburg, und (b) im zentralen Cheruskergebiet gelegen haben.
  • für die, alleine auf einen unbedeutenden Halbsatz Mommsens (achtes Buch  der römischen Geschichte, 1885) zurückgehende, Mindenhypothese trifft weder (a) noch (b) zu.
  • Auf der Achse (a) liegen dagegen etwa Anreppen, Lügde, Hameln, Hildesheim, Oschersleben, Magdeburg/Barby.
  • Anreppen liegt außerhalb des Cheruskergebietes (b), Oschersleben, Magdeburg/Barby ganz im östlichen Cheruskergebiet, bleiben noch Lügde, Hameln, Hildesheim (evtl. auch Elze u.a. an dieser Achse) als sinnfällige Orte
  • Lügde und Hameln liegen noch im westlichen Cheruskerland, zudem noch innerhalb des strategisch unangenehmen Weserberglandes.
  • Auch das Winterlager "ad caput juliae" könnte genau dort am Innerstedreieck (Mündung in die Leine - Liane - juliane - julia ?) gelegen haben. Ein weiterer Hinweis ist die Tatsache, das Tiberius seinem sterbenden Bruder Drusus entgegeneilte, der auf dem Rückweg von der Elbe verstarb. Für diesen Ort kommt eventuell Schellerten (scelerata), wenige Kilometer östlich Hildesheim in Frage. Ein möglicherweise weiterer persönlicher Grund, neben den strategischen, für Tiberius dort Winterlager und Verwaltungszentrum an zu legen.
  • Das überlieferte Kriegsende im Jahre 16: Germanicus setzte in diesem letzten Kriegsjahr alles auf eine Karte. Zur Umgehung des unsicheren Landweges setzte er voll auf die Fahrt über das Wattenmeer und in die norddeutschen Flüsse. Die Kosten waren daher immens, Gallien beklagte sich über die damit verbundene Auszehrung. Sein strategisches Ziel war die endgültige Vernichtung der Cherusker, denn da logistisch im Winterhalbjahr für ihn nichts zu machen war, konnte nur die totale "Endlösung" den Erfolg bringen. Und dazu setzte er über die Weser und griff die Cherusker an zwei Fronten (Idistaviso und Angrivarierwall) an. Diese Schlachten fanden östlich der Weser statt, sie zielten natürlich auf das Zentrum der cheruskischen Herrschaft und Wirtschaft. Tacitus berichtet zudem, dass die Cherusker bereits die Flucht über die Elbe vorbereiteten. Dieses Zentrum muss aus strategischen Gründen sicher auch das Zentrum für Varus gewesen sein: Es lag zwischen Weser und Elbe!
  • Hildesheim alleine liegt nun genau dort am Mittelgebirgsausgang, von dort aus ist via des Großen Bruchs ins Bode Tal der Weg weit und frei bis zum Elbeknie. Ideal um hier genau diesen Herrschaftsanspruch bis hin zur Albis zu manifestieren. Ein Lager am Mittelgebirgsausgang war zudem strategisch günstig und typisch, dies trifft genauso auf das bekannte Bonner Lager zu.

3. Archäologische Hinweise

  • Hildesheim und Umgebung ist, aufgrund der statistischen Verteilung germanischer Funde, tatsächlich im ersten Jahrhundert Siedlungszentrum gewesen. Der Grund ist der gleiche wie heute: Hildesheim liegt an einem geographisch günstigen Wegekreuz in der außerordentlich fruchtbaren Löß- und Bördelandschaft, die sich von dahin weiter bis Magdeburg zieht.
  • Mit Beendigung des immensum bellum befestigte Tiberius die römischen Verwaltungsstädte am Rhein. In Köln ist dendrochronologisch der älteste Teil der römischen Stadtmauer, das Ubiermonument, für das Jahr 4 n.Chr. nachgewiesen. Mit dem Sieg im Krieg bis an die Elbe wäre die Anlage eines entsprechenden Verwaltungszentrums auch im Innern Germaniens, etwa im Zentrum der besten Verbündeten, eben in Hildesheim durchaus denkbar.
  • In der Stadtchronik von Hildesheim, die allerdings noch nicht so alt ist, gibt es eine handschriftliche Randnotiz in lateinischer Sprache. Sie spricht davon, dass ein gewisser Tiberius Hildesheim gründete. Es kann sich dabei auch um einen anderen Tiberius handeln, aber so ganz klar ist dies nicht, welchen Tiberius der Schreiber bzw. seine unbekannte Informationsquelle meinte.
  • Im heutigen Ortsteil Bavenstedt wurden germanische Werkstätten der römischen Kaiserzeit entdeckt, in denen römische Waren kopiert wurden, etwa Töpferwaren und Kämme.
  • Am Galgenberg wurde der bedeutenste römisch-augustesche Silberschatz außerhalb Italiens gefunden. Der 55 kg schwere Schatz dürfte mit einiger Sicherheit ein winziger Anteil aus der Varusbeute sein. Besitzerkratzungen auf dem Silbergeschirr deuten auf eine Offiziersgemeinschaft der augusteschen Armee hin.
  • Der Grundriss der Hildesheimer Altstadt passt exakt zu der anzunehmenden Größe und Aufteilung des varianischen Sommerlagers. Ein äußeres Holz-Erde-Bollwerk von 1 km Kantenlänge und darin zwei Grundrisse rechteckiger Legionslager. Das äußere Bollwerk wurde im Mittelalter durch eine größere Anlage überbaut. Jedoch ist es nichts ungewöhnliches, das solche Grundrisse auch nach hunderten und tausenden Jahren, trotz anderer Nutzung und Überbauung, beibehalten wurde. So etwa in Regensburg, Köln oder Bonn u.v.m.
  • auf einem der möglichen Grundrisse wurde ab etwa 800 unter den christianisierenden Franken mehrere Kirchen erbaut. Bei der Suche nach den ältesten Befestigungsmauern dieser Zeit wurde bei Ausgrabungen um den Hildesheimer Dom im Jahre 1999 eine seltsame Entdeckung gemacht: Unterhalb der ältesten Reste der Dombefestigung wurde eine verstürzte noch ältere Mauer römischer Bauart gefunden. Der Ausgräber hält diese Reste für eine fränkische Nachahmung römischer Ziegel. Andererseits: An dieser Stelle dürfte das Stadthalterhaus bzw. das Forum des Varus gestanden haben. Die Nachahmungen römischer Ziegel sind also eventuell doch echte römische Baureste.
  • Ein implizit archäologischer Grund ist: Ein Lager von der Bedeutung und Größe des varianischen Sommerlagers (1 qkm, repräsentativ) ist archäologisch so auffällig, dass es sich eigentlich längst durch Zufallsfunde hätte bemerkbar machen müssen. Wenn es das aber bisher nicht getan hat, liegt die Vermutung nahe, dass es schon vor längerer Zeit komplett überbaut wurde. Es kommen also insbesondere Innenstädte an den oben genannten strategisch gelegenen Orten in Frage, dir groß genug dafür sind und die seit mindestens etwa dem 18. Jhd. komplett überbaut sind.

Fazit

Nun, es spricht so einiges für Hildesheim als Sommerlager, insbesondere wenn man diese Lokalisation vergleicht mit den weiteren noch sinnfälligen Alternativen, so Lügde und Hameln. Aufgrund des sich inzwischen abzeichnenden Schlachtverlaufs, aber auch aus grundsätzlichen strategischen Überlegungen, scheidet Lügde wegen seiner viel zu westlichen Lage aus.

Bliebe als Alternative nur noch Hameln, oder auch Elze, kurz vor Hildesheim. Deren Altstädte sind allerdings zu klein, um ein varianisches Sommerlager vollständig zum Verschwinden zu bringen. Die Vielzahl an archäologischen Hinweise deuten somit stark nach Hildesheim.

Hameln und Elze wären zudem, aus römisch strategischer Sicht, bestenfalls nur eine halbe Sache gewesen.  Es ist auch anzunehmen, dass die Römer es gleich richtig gemacht haben, und die wenigen Kilometer bis Hildesheim am Mittelgebirgsausgang dazu gelegt haben.

Jedenfalls sollten Archäologen und Heimatforscher in Hildesheim in Zukunft verstärkt Aufmerksamkeit auf die angezeigte Möglichkeit legen und bei zufälligen oder gezielten Ausgrabungen auf mögliche römische Reste achten, die selbst in so sehr neuzeitlich über- und umgebauten Stadtkernen gelegentlich noch einmal ans Tageslicht kommen können.